Ein rätselhafter Fund bei San Diego
Was wie ein harmloses Tauchabenteuer begann, entwickelte sich zu einer Geschichte, die ganz Kalifornien in Atem hält. Ein Tiefseebewohner mit einem düsteren Spitznamen — gefunden kurz vor einem Erdbeben.
Am 10. August 2024 entdeckte eine Gruppe von Tauchern in der Bucht La Jolla Cove nahe San Diego einen toten Fisch, der sie buchstäblich sprachlos machte. Das Tier war über drei Meter lang, silberglänzend, bandförmig und trieb schlaff im Wasser, dicht an der felsigen Küstenlinie.
Die Scripps Institution of Oceanography mit Sitz in San Diego bestätigte rasch, dass es sich um einen Oarfish handelte — auf Deutsch auch „Riemenfisch" oder „Lintvis" genannt. Für Meeresbiologen ist ein solcher Fund von unschätzbarem Wert, denn diese Art lebt normalerweise in Tiefen von mehreren Hundert Metern und zeigt sich Menschen so gut wie nie.
Der Oarfish wird in englischsprachigen Medien immer häufiger als „Doomsday fish" bezeichnet — ein Fisch, der Unheil ankündigen soll.
Die Taucher und einige Kajakfahrer posierten mit dem Tier, bevor Wissenschaftler den Kadaver für weitere Untersuchungen mitnahmen. Fotos verbreiteten sich rasch in den sozialen Medien und entfachten alte Legenden neu.
Warum dieser Fisch einen so mythischen Ruf besitzt
Der Oarfish gehört zur Familie der Regalecidae. Sein Körper ist extrem lang, bandförmig, und kann bei manchen Arten bis zu 11 Meter erreichen. Damit gilt die Art Regalecus glesne als der längste bekannte Knochenfisch der Welt.
Das Tier wirkt auf viele Menschen geradezu außerirdisch: ein schmaler, silberner Körper, oft mit einer roten kammartigen Flosse auf dem Kopf und entlang des Rückens sowie dünnen, fadenförmigen Fortsätzen. Diese roten Stacheln erinnern an eine Krone — was sein mysteriöses Erscheinungsbild noch verstärkt.
- Durchschnittliche Länge bei Küstensichtungen: 2–5 Meter
- Maximale registrierte Länge (Regalecus glesne): bis zu etwa 11 Meter
- Lebenstiefe: meist zwischen 200 und über 1.000 Meter
- Ernährung: Krill, Plankton, kleine Krebstiere
Die Art jagt nicht aggressiv. Durch seine Form kann er nahezu vertikal im Wasser schweben und sich langsam fortbewegen. Das macht direkte Begegnungen mit Menschen äußerst selten. Meistens sehen wir Oarfish erst, wenn sie geschwächt oder tot an die Küste gespült werden.
Vom Tiefseemonster zum „Botschafter der Katastrophen"
In verschiedenen Kulturen haftet diesem Fisch ein Mythos an. In Japan ist er als ryūgū no tsukai bekannt — wörtlich „Botschafter aus dem Palast des Drachenkönigs". Dieser Name verweist auf die Vorstellung, dass er aus einer mythischen Unterwasserwelt aufsteigt, um eine Warnung zu überbringen.
Einem weit verbreiteten Volksglauben zufolge taucht der Oarfish kurz vor Erdbeben oder Tsunamis auf — als Signal, dass die Erde sich bereit macht zu beben.
Diese Geschichten erhielten neuen Auftrieb durch eine zeitliche Übereinstimmung: Der Fund bei La Jolla Cove lag nur zwei Tage vor einem Erdbeben der Stärke 4,4 bei Los Angeles am 12. August 2024. In den sozialen Medien wurde dies schnell als „Beweis" präsentiert, dass der Doomsday fish seinen Ruf bestätigt.
Hat der Oarfish wirklich etwas mit Erdbeben zu tun?
Wissenschaftler zeigen sich deutlich vorsichtiger. Es gibt Interesse an der Frage, aber bislang kaum belastbare Daten. Die britische Biologin Rachel Grant von der Anglia Ruskin University bezeichnete es einst als „theoretisch möglich", dass Tiefseefische auf den Druckaufbau in der Erdkruste reagieren.
Die Idee dahinter: Wenn Gestein tief unter dem Meeresboden unter enormen Druck gerät, können elektrische Ladungen freigesetzt werden. Diese Ladungen sollen leitende Ionen im Meerwasser beeinflussen. Empfindliche Arten — wie bestimmte Tiefseefische — könnten dadurch Stress empfinden und in andere Wasserschichten abwandern, manchmal sogar in Richtung Küste.
Das klingt als Erklärung verlockend, bleibt aber spekulativ. Das ecuadorianische geophysikalische Institut, das in einem seismisch sehr aktiven Gebiet arbeitet, stellt fest, dass es bis August 2022 keine einzige solide Studie gibt, die einen direkten Zusammenhang zwischen Oarfish-Sichtungen und konkreten Erdbeben oder Tsunamis belegt.
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| Hypothese | Erklärung | Wissenschaftlicher Status |
|---|---|---|
| Oarfish als Erdbebenvorhersager | Fisch reagiert auf Spannungsaufbau in der Erdkruste und steigt kurz vor einem Beben auf | Kein schlüssiger Beweis, nur Anekdoten |
| Oarfish strandet durch Krankheit oder Alter | Geschwächte Tiere treiben an die Oberfläche und zur Küste | Konsistente, biologisch logische Erklärung |
| Einfluss von Stürmen und Strömungen | Extremwetter und veränderte Strömungen treiben Tiefseetiere aus ihrem Lebensraum | Durch Sichtungen anderer Arten gestützt |
Die meisten Fachleute verweisen bislang auf alltäglichere Ursachen: Krankheit, Parasiten, Alter oder eine Kombination mit heftigen Strömungen. Da Oarfish so selten gesichtet werden, erscheint jedes angespülte Exemplar außergewöhnlich. Das menschliche Gehirn sucht dann schnell nach Mustern mit großen Ereignissen im gleichen Zeitraum — wie einem Erdbeben.
Kaliforniens Angst vor dem „Big One"
Der Fund bei San Diego trifft einen empfindlichen Nerv in Kalifornien. Der Bundesstaat lebt seit Jahrzehnten mit dem Szenario des „Big One" — einem sehr schweren Erdbeben entlang der San-Andreas-Verwerfung, das in dicht besiedelten Gebieten enorme Schäden anrichten könnte.
Die Region kennt eine lange Reihe starker Erdbeben:
- 1992: Stärke 7,3 bei Yucca Valley — ein Toter und mehr als 350 Verletzte.
- 1992: Stärke 7,2 vor der Küste nahe Eureka — schwere Schäden im Humboldt County.
- 2019: Ein Beben von über 7,2 bei Ridgecrest — eines der stärksten seit 1999.
Wenn dann ein seltener Tiefseebewohner auftaucht, wandern die Gedanken schnell in Richtung Vorbote der nächsten Katastrophe. Für Bewohner, die seit Jahren auf Evakuierungspläne und Notfallpakete vorbereitet werden, bietet die Geschichte eines „Apokalypse-Fischs" ein greifbares Symbol für diese Angst.
Legenden verleihen dem, was Zahlen und Grafiken über seismische Risiken nicht vermitteln können, eine Form: das alltägliche Gefühl, dass der Boden eines Tages wirklich beben könnte.
Was Forscher jetzt mit diesem Oarfish tun
Das Exemplar aus La Jolla Cove wurde in ein Zentrum der amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) gebracht. Dort führen Biologen eine umfassende Autopsie durch.
Sie untersuchen unter anderem:
- den Mageninhalt, um Ernährungsweise und jüngste Wanderungen besser zu verstehen;
- die Gewebe, auf der Suche nach Krankheiten oder Parasiten;
- das Alter des Tieres, anhand von Wachstumsstrukturen in Knochen und Gewebe;
- mögliche Anomalien durch Verschmutzung oder veränderte Wassertemperatur.
Jeder angespülte Oarfish fügt ein Puzzlestück zu unserem Wissen über das Leben in der mesopelagischen Zone hinzu — der halbdunklen Schicht des Ozeans, in die kaum Licht eindringt. Für Klimaspezialisten sind solche Daten wertvoll, da Veränderungen in großen Tiefen oft früh auf Verschiebungen in Meeresströmungen und -temperaturen hinweisen.
Was diese Legende uns wirklich lehren kann
Selbst ohne bestätigten Zusammenhang zwischen Oarfish und Erdbeben hat der Mythos einen nützlichen Nebeneffekt: Menschen reden wieder über Naturkatastrophen, Risiken und Vorsorge. In einer Zeit, in der manche Bewohner seismische Warnungen leid sind, wirkt eine spektakuläre Geschichte manchmal besser als ein trockener Bericht.
Für Menschen in erdbebengefährdeten Regionen bleiben einige Grundreflexe sinnvoll — unabhängig von jedem „Doomsday fish":
- Ein Notfallpaket mit Wasser, Lebensmitteln, Taschenlampe und Radio bereitstellen.
- Schränke, Fernseher und schwere Möbel an der Wand befestigen.
- Mit der Familie einen Treffpunkt nach einem Beben vereinbaren.
Aus einer breiteren Perspektive zeigt die Geschichte auch, wie eng Katastrophen, Wissenschaft und Volksüberlieferung miteinander verwoben sind. Wo harte Daten Lücken lassen, füllt die Fantasie diese gerne aus — so bei Vulkanen, bei Sonnenfinsternissen und nun erneut bei einem geheimnisvollen Tiefseebewohner.
Für Meeresbiologen eröffnen solche Ereignisse neue Möglichkeiten: Schulen, Aquarien und Medien fragen plötzlich nach Erklärungen zu Tiefseeorganismen, Nahrungsketten und Ozeanodynamik. Kinder, die Fotos des „Apokalypse-Fischs" sehen, werden manchmal gerade durch diese mythische Note für echte Wissenschaft begeistert. Zwischen Legende und Labor entsteht so eine unerwartete Zusammenarbeit.













