Ein „Excalibur" in den Straßen von Valencia
Als Archäologen in den 1990er-Jahren ein unscheinbares Stadthaus im historischen Kern von Valencia untersuchten, rechneten sie mit Keramikscherben und Bauresten. Stattdessen stießen sie auf ein Schwert, das aufrecht im Boden steckte – als hätte es jemand absichtlich dort vergraben.
Der Fund ereignete sich 1994 während einer Ausgrabung des städtischen Archäologiedienstes gemeinsam mit der lokalen Universität. Das Schwert stand senkrecht in der Erde, unweit des ehemaligen römischen Forums – mitten in einer Zone, wo sich Schichten der Geschichte buchstäblich überlagern.
Diese spektakuläre Haltung, gerade in den Boden gerammt, brachte dem Stück schnell den Spitznamen „Excalibur" ein, angelehnt an das legendäre Schwert von König Artus. Doch die Geschichte hinter dieser Version von Excalibur entpuppte sich als alles andere als keltisch oder britisch.
Jahrzehntelang blieb die Datierung ungeklärt. Das Objekt verschwand in den Magazinen des Dienstes SIAM in Valencia, zusammen mit Tausenden anderen Artefakten. Erst als die Institution ihr 75-jähriges Bestehen zum Anlass nehmen wollte, die Sammlung neu zu katalogisieren, landete das Schwert wieder auf dem Arbeitstisch.
Die Neuanalyse zeigt: Dies ist kein christliches Ritterschwert, sondern eine Waffe aus einem überwiegend islamischen Kontext – mitten in Al-Andalus.
Neue Analyse, neue Geschichte
Der Archäologe José Miguel Osuna nahm die Waffe erneut unter die Lupe. Mithilfe moderner Methoden wie Spektroskopie und metallurgischer Analyse sowie einer sorgfältigen Untersuchung der Form gelang es ihm, die Datierung auf das 10. Jahrhundert einzugrenzen.
In jener Epoche gehörte Valencia zu Al-Andalus, dem islamischen Reich, das große Teile der Iberischen Halbinsel umfasste. Die Kombination aus Metall, Schmiedetechnik und Verzierung wies eindeutig auf eine islamische Werkstatt hin – vermutlich unter den umayyadischen Herrschern.
Woran erkennt man ein islamisches Schwert?
- Eine vergleichsweise geringe Länge (hier etwa 45 cm)
- Eine leicht gebogene Klinge, geeignet für den Einsatz zu Pferde
- Ein Griff, verziert mit bronzenen Platten statt schwerer kreuzförmiger Parierstangen
- Fertigungstechniken, die zur kalifalen Periode in Al-Andalus passen
Dieses Profil passt schlecht zu den geraden, schweren Schwertern späterer christlicher Ritter, dafür aber hervorragend zu Waffen von Reitern, die schnelle Angriffe ausführten und sich rasch wieder zurückzogen.
Die leichte Krümmung der Klinge deutet auf Kavalleriegebrauch hin: Schnittbewegungen vom galoppierenden Pferd aus, anstelle von frontalen Stoßangriffen.
Eine außergewöhnlich gut erhaltene Waffe
Archäologen betonen, wie bemerkenswert der Zustand des Metalls ist. Der Boden in und um Valencia ist säurehaltig und für Eisen meist ungünstig. Viele Metallobjekte aus denselben Schichten kommen als kaum erkennbare, korrodierte Klumpen ans Tageslicht.
Dieses Schwert scheint diesem Schicksal entgangen zu sein. Das könnte auf ein besonders günstiges Mikromilieu im Boden hinweisen – oder auf eine bewusste „Bestattung", bei der die Waffe an einem geschützten Ort deponiert wurde. Eine rituelle Geste lässt sich nicht ausschließen, auch wenn das spekulativ bleibt.
Vergleichsmaterial ist rar. Laut der Analyse von SIAM ist dies das erste Exemplar dieses Typs aus der islamischen Periode, das in Valencia gefunden wurde. Das einzige gut vergleichbare Schwert stammt aus Medina Azahara, der berühmten kalifalen Stadt, die Kalif Abd al-Rahman III. bei Córdoba errichten ließ.
Valencia als Schnittpunkt der Reiche
Der Kontext des Fundortes verleiht der Geschichte zusätzliche Tiefe. Das Viertel lag in unmittelbarer Nähe des alten römischen Forums, das jahrhundertelang das administrative Herz der Stadt bildete. Später nutzten die Westgoten das Gebiet, und in der islamischen Ära wuchs Valencia zu einem lebhaften städtischen Zentrum mit eigener Moschee, Badehaus und Handwerksviertel heran.
In ein und demselben Bodenprofil begegnen sich Überreste römischer Mauern, westgotische Elemente und islamische Strukturen. Das Schwert lag buchstäblich in dieser geschichteten Vergangenheit – als stiller Zeuge der Machtwechsel in der Stadt.
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Al-Andalus im Stahl
Um das Gewicht dieses Fundes zu erfassen, lohnt ein genauerer Blick auf die Rolle von Al-Andalus im 10. Jahrhundert. Das Kalifat von Córdoba galt damals als eines der dynamischsten Gebiete Europas – mit belebten Handelsrouten, fortschrittlichen Bewässerungssystemen und einer blühenden Wissensproduktion.
Städte wie Córdoba, Toledo und später auch Valencia waren Knotenpunkte, an denen arabische, berberische, christliche und jüdische Gemeinschaften nebeneinander lebten. Das erzeugte eine Mischform in Sprache, Architektur, Wissenschaft – aber auch in der Militärtechnologie.
Schwerter wie das aus Valencia zeigen, wie sich Ideen über Kriegsführung, Metallverarbeitung und Mobilität entlang von Handelsrouten zwischen Nordafrika, dem Nahen Osten und der Mittelmeerküste verbreiteten.
Die berühmten Gelehrten Averroes und Maimonides wirkten in Córdoba in einem Klima, in dem Texte übersetzt, Kommentare verfasst und Mathematik, Medizin sowie Philosophie zusammengeführt wurden. Dieselbe Welt produzierte Waffen für Heere, die Grenzen bewachten, rivalisierende Taifareiche bekämpften und gelegentlich Bündnisse mit christlichen Fürsten im Norden schlossen.
Valencia unter islamischer Herrschaft
Für Valencia bedeutete die islamische Periode eine starke Ausrichtung auf das Mittelmeer. Schiffe verkehrten zwischen dem Hafen und nordafrikanischen Küsten, Waren und Menschen zirkulierten in beide Richtungen. Keramik, Textilien, Metallgegenstände und Pferde wechselten den Besitzer – gemeinsam mit militärischem Wissen.
Lokalen Verantwortlichen zufolge hilft das Schwert, dieses Bild greifbar zu machen. Es zeigt eine Stadt, die nicht am Rand Europas lag, sondern in einem maritimen Netzwerk, das tief in die islamische Welt reichte.
| Merkmal | Excalibur von Valencia | Typisches mittelalterliches Ritterschwert |
|---|---|---|
| Periode | 10. Jahrhundert, Al-Andalus | 12.–14. Jahrhundert, christliche Königreiche |
| Länge | ca. 45 cm | oft 90–110 cm |
| Klingenform | Leicht gebogen | Überwiegend gerade |
| Verwendung | Kavallerie, Schnittbewegungen | Fußkampf, Stoßen und Hauen |
| Verzierung | Bronzene Platten an der Parierstange | Kreuzförmige Parierstange, schlichter verziert |
Warum dieses Schwert mehr als eine Kuriosität ist
Der Spitzname „Excalibur" verleiht dem Fund medialen Reiz, doch die eigentliche Bedeutung liegt darin, hartnäckige Klischees über das mittelalterliche Iberische Halbinsel aufzubrechen. Das Bild eines streng getrennten christlichen Nordens und islamischen Südens wird zunehmend überholt.
Dieses Schwert erinnert daran, dass Waffen, Techniken und Stile häufig Grenzen überwanden. Ein christlicher Söldner konnte mit einem islamischen Schwert kämpfen, ein muslimischer Soldat konnte europäische Ausrüstung tragen. Die materielle Kultur war weit weniger strikt aufgeteilt, als viele Schulbücher suggerieren.
Der Fund von Valencias „Excalibur" unterstreicht, wie die Archäologie festgefahrene historische Trennlinien aufweicht und eine vielschichtigere Vergangenheit freilegt.
Was dieser Fund über die heutige Archäologie aussagt
Die Geschichte veranschaulicht auch, wie stark sich die Archäologie gewandelt hat. In den 1990er-Jahren konnte man das Schwert nur grob einordnen. Heute erlauben neue Analysetechniken, chemische Zusammensetzung, Schmiedetechnik und Metallherkunft wesentlich präziser zu bestimmen.
Dadurch wächst eine Datenbank von Waffen und Objekten aus verschiedenen Regionen. Durch deren Vergleich können Forscher Routen von Handwerkern, Handelskontakte oder sogar Wanderungen von Handwerkerfamilien rekonstruieren. Ein einzelnes Schwert wird so zu einem Datenpunkt in einem weit größeren Muster.
Der Fund erinnert schließlich an eine zeitlose Lektion: Kulturelle Einflüsse verlaufen selten in eine einzige Richtung. Ebenso wie dieses Schwert islamische Merkmale in einer Stadt mit römischen und christlichen Schichten zeigt, vermischen sich auch heute Technologien, Stile und Ideen. Das Erbe von Al-Andalus bietet so einen unerwarteten Spiegel für zeitgenössische Debatten über Identität, Vermischung und Grenzen in Europa.













