Was Clarivate bei Innovation wirklich misst
Die neueste Ausgabe des Clarivate-Rankings beleuchtet gleichzeitig die Stärken und die Verwundbarkeit des französischen Innovationsmodells – eine Mischung aus Stolz und leiser Besorgnis.
Clarivate verlässt sich nicht auf Pressemitteilungen oder schöne Marketinggeschichten, sondern auf harte Daten. Das Unternehmen analysiert Jahr für Jahr Millionen von Patenten und wertet diese systematisch aus.
Die Rangliste Top 100 Global Innovators 2026 stützt sich auf Faktoren wie die Anzahl der Patentanmeldungen, den Anteil erteilter Patente, die internationale Reichweite sowie die Häufigkeit, mit der eine Erfindung weiterverwendet oder zitiert wird.
In der Logik von Clarivate ist Innovation eine Technologie, die anderen ermöglicht, schneller, besser oder kostengünstiger weiterzubauen.
Clarivate hat seinen Sitz in London und ging aus den Forschungsaktivitäten von Thomson Reuters hervor. Das Unternehmen verwaltet unter anderem Web of Science, Journal Citation Reports und Derwent für Patente. Mit seinen Datenbanken beeinflusst es Entscheidungen von Regierungen, Universitäten und Großunternehmen weltweit.
Die Rangliste selbst fungiert mittlerweile als eine Art Reputationsbarometer: Wer in der Top 100 erscheint, zieht leichter Partner, Investoren und Talente an.
CEA bleibt das innovativste öffentliche Forschungsinstitut der Welt
Inmitten dieses globalen Wettbewerbs steht ein französischer Akteur besonders im Rampenlicht: das Commissariat à l'énergie atomique et aux énergies alternatives (CEA).
Laut Clarivate bleibt das CEA im Jahr 2026 das innovativste öffentliche Forschungsinstitut der Welt. Das bedeutet: Keine andere staatliche oder akademische Einrichtung schafft es, ein derart umfangreiches und einflussreiches Patentportfolio aufzubauen.
Die Organisation punktet auf drei Ebenen gleichzeitig:
- ein stabiler Strom von Patenten in Schlüsseltechnologien wie Energie, Mikroelektronik und Gesundheitsversorgung;
- eine hohe Konversionsrate zwischen Anmeldungen und tatsächlich erteilten Patenten;
- eine starke internationale Reichweite mit zahlreichen Zitationen und Weiterverwendungen durch Industriepartner.
Für Paris ist das ein strategischer Trumpf. Das französische Modell stützt sich stark auf leistungsstarke öffentliche Forschungszentren wie CEA und CNRS, die neue Technologien reif machen für Airbus, Safran, Thales und andere industrielle Schwergewichte.
Mit dem CEA verfügt der französische Staat über ein Innovationsinstrument, das sich mit den größten privaten F&E-Zentren in den USA und Asien messen kann.
Als Nation jedoch fällt Frankreich auf Platz 7 zurück
Hinter diesen Flaggschiffen verändert sich das Bild. In der nationalen Rangliste rutscht Frankreich im Jahr 2026 auf den 7. Platz zurück – mit nur noch fünf Organisationen in der Top 100.
| Rang | Land / Region (Hauptsitz) | Anzahl Organisationen |
| 1 | Japan | 32 |
| 2 | Vereinigte Staaten | 18 |
| 3 | Taiwan | 12 |
| 4 | Südkorea | 8 |
| 4 | Deutschland | 8 |
| 6 | China (Festland) | 7 |
| 7 | Frankreich | 5 |
| 8 | Schweiz | 3 |
| 8 | Niederlande | 3 |
| 10 | Schweden | 1 |
Im Jahr 2025 hatte Frankreich noch sieben Organisationen in der Top 100 und lag knapp hinter Deutschland und Südkorea. Michelin und Forvia sind nun aus der Liste verschwunden. Die verbliebenen fünf Unternehmen sind:
- CEA (öffentliche Forschung, Energie und Deeptech);
- Airbus (Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung);
- Safran (Antrieb, Avionik, Verteidigungssysteme);
- Thales (Radar, Raumfahrt, Cyber, Elektronik);
- CNRS (Grundlagen- und angewandte Forschung).
Der Rückgang ist also vor allem quantitativer Natur. Der Kern des französischen Innovationssystems ist weiterhin präsent, doch die Breite der industriellen Basis zeichnet sich weniger deutlich ab.
China überholt Frankreich, Europa bleibt gespalten
Der relative Rückfall Frankreichs hängt auch mit der Entwicklung anderer Länder zusammen. China kommt 2026 auf sieben Organisationen, während Frankreich bei fünf landet.
Die Symbolik ist eindeutig: Die chinesische Industrialisierung von Forschung und Entwicklung macht sich nun auch im höchsten Segment der Patentlandschaft bemerkbar.
Dennoch liegt Frankreich weiterhin vor einer Reihe europäischer Volkswirtschaften:
- Französische Akteure sind zahlreicher vertreten als jene aus der Schweiz, den Niederlanden oder Schweden;
- das Land behauptet sich in den Top 10 der innovativsten Nationen;
- die verbliebenen großen französischen Konzerne sind in Bereichen mit starkem Exportpotenzial tätig.
Für Brüssel und andere Hauptstädte wird einmal mehr deutlich, wie ungleich die Kräfteverhältnisse bei Innovation innerhalb Europas verteilt sind. Deutschland und Frankreich sind schwer vertreten, kleinere Länder wie die Niederlande oder Schweden müssen sich auf Nischen konzentrieren, um sichtbar zu bleiben.
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KI als roter Faden durch die Spitze der Rangliste
Durch die gesamte Clarivate-Liste zieht sich eine Konstante: Künstliche Intelligenz dringt in jeden industriellen Prozess vor.
Patente drehen sich längst nicht mehr ausschließlich um Software. KI hilft dabei, Produktionslinien zu optimieren, Wartungsbedarf vorherzusagen, neue Materialien zu entwickeln und den Energieverbrauch zu verfeinern.
Für Länder, die schnell industrialisieren können, wirkt das als Beschleuniger. Ein KI-Algorithmus auf dem Papier reicht nicht aus – die eigentliche Kunst besteht darin, ihn in einer mehrere Hektar großen Fabrik, in einem Flugzeugtriebwerk oder in einem Netz von Energiezentralen zum Laufen zu bringen.
Die französischen Akteure, die in der Top 100 verbleiben, sind genau in jenen Bereichen tätig, wo KI und Hardware aufeinandertreffen: Luftfahrt, Verteidigung, Halbleiter, Energiesysteme. Das erhöht ihren strategischen Wert, macht aber zugleich deutlich, wie entscheidend Investitionsentscheidungen in den kommenden Jahren sein werden.
Ein Warnsignal für die industrielle Mittelschicht
Das empfindlichste Signal kommt nicht von den Spitzenreitern, sondern von den Namen, die verschwinden. Michelin und Forvia verkörperten eine Form von Innovation, die eng mit der Fabrik verbunden ist.
Ihre Stärke lag in:
- schrittweisen Verbesserungen von Materialien und Prozessen;
- der engen Verbindung zur Automobilzulieferkette;
- der Massenproduktion mit hohen technischen Anforderungen.
Ihr Fehlen im Jahr 2026 deutet darauf hin, dass mittelgroße und große Industrieakteure in Frankreich zunehmend Schwierigkeiten haben, ein Patentniveau zu erreichen, das weltweit entscheidend ist.
Der französische Staat behält seine technologischen Kronjuwelen, doch das industrielle Mittelfeld verliert an Sichtbarkeit auf dem Radar von Clarivate.
Das birgt ein Risiko für die langfristige Stärke des Ökosystems. Ohne eine breite Basis innovativer Zulieferer und Materialspezialisten wird es schwieriger, vollständige Wertschöpfungsketten in eigener Hand zu halten – von der Grundlagenforschung bis zum Endprodukt.
Kampf um Schlüsseltechnologien: von E-Methanol bis zu ultrareinen Gasen
Die französische Position im Clarivate-Ranking spielt sich vor dem Hintergrund eines Wettlaufs um strategische Technologien ab. Zwei aktuelle Entwicklungen zeigen, worauf Paris seinen Fokus legt.
Mit einer Reihe von Patenten rund um E-Methanol versucht Frankreich, sich einen Platz im Markt für kohlenstoffarme Kraftstoffe zu sichern. Dieser Sektor könnte bis 2030 auf mehrere Dutzend Milliarden Euro anwachsen – vor allem dank Schifffahrt, Chemie und Flughäfen, die ihre Emissionen senken wollen.
Gleichzeitig setzt eine französische Gruppe mit einer Investition von knapp 3 Milliarden Euro Fuß in Südkorea – im Wachstumsmarkt für ultrareine Gase. Solche Gase sind entscheidend für die Halbleiterproduktion, Batterien und fortschrittliche Materialien.
Diese beiden Beispiele zeigen, wie französische Technologie sich in Wertschöpfungsketten einbettet, in denen jeder Prozentpunkt an Reinheit, Effizienz oder Stabilität zählt. Sie verdeutlichen auch, dass das Spiel nicht ausschließlich in Europa stattfindet, sondern vor allem in asiatischen Industriezentren.
Was diese Rangliste für Unternehmen und politische Entscheidungsträger bedeutet
Für französische – und darüber hinaus auch niederländische und andere europäische – Unternehmen liefert die Top 100 von Clarivate einige konkrete Lektionen.
- Patente müssen nicht nur zahlreich sein, sondern auch international zitiert und genutzt werden.
- Die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Forschungszentren und der Industrie erhöht die Chance auf wirkungsvolle Patente.
- KI, Materialien und Energie wachsen immer stärker zusammen – F&E-Strategien müssen Disziplinen miteinander verbinden.
Politische Entscheidungsträger erhalten unterdessen eine Art Stresstest ihrer Industriestruktur. Eine starke öffentliche Forschungsbasis, wie sie in Frankreich vorhanden ist, bietet Schutz. Ohne ausreichende industrielle Verankerung entstehen dennoch Lücken in der Wertschöpfungskette.
Eine sinnvolle Übung für jedes Land besteht darin, die eigene Position in solchen Ranglisten zu simulieren: Wie viele Organisationen kämen infrage, in welchen Sektoren und mit welcher internationalen Wirkung? Eine solche Simulation zeigt recht schnell, wo schwache Glieder liegen – etwa in der Batterietechnologie, der Medizintechnik oder der Mikroelektronik.
Für Unternehmen kann eine interne Miniversion der Clarivate-Logik hilfreich sein. Das bedeutet: systematisch messen, wie viele Patente zu Lizenzen, neuen Produkten oder strategischen Partnerschaften führen. Nicht die Anzahl der Patente zählt, sondern ihre Fähigkeit, in echten Märkten Türen zu öffnen.













