Universität streicht klassische Literatur für „sicherere“ Lehrpläne: Schutz oder kulturelle Kahlschlag?

Ein Moment, der eine ganze Debatte in sich trägt

Auf dem Bildschirm vorne erscheint eine Liste mit Namen, die aus dem Lehrplan verschwinden sollen: Shakespeare, Homer, Dante, Multatuli. Einige Studierende atmen erleichtert auf, andere blicken verwirrt. Die Dozentin erklärt, die Universität wolle „sicherere, inklusivere" Literatur anbieten. Weniger koloniale Perspektiven, weniger Sexismus, weniger Gewaltdarstellungen. Irgendwo im hinteren Teil des Raums verdreht jemand unhörbar die Augen.

Nach der Veranstaltung auf dem Flur bricht es heraus. Ein Niederländik-Student beschwert sich, er wolle „einfach die Klassiker lesen", während eine Kulturwissenschaftsstudentin erleichtert sagt, sie sei froh, sich nicht durch noch ein rassistisches Meisterwerk des 19. Jahrhunderts kämpfen zu müssen. Eine Frage hängt zwischen den Spinden in der Luft – niemand spricht sie wirklich aus, aber alle scheinen sie zu denken.

Was verlieren wir genau, wenn wir diese alten Bücher entfernen – und was gewinnen wir wirklich?

Schutz oder kulturelle Kahlschlag?

An mehreren Universitäten, von Amsterdam bis Utrecht und darüber hinaus, gilt klassische Literatur nicht mehr als selbstverständlicher Mittelpunkt des Studiums. Studienkommissionen kürzen oder streichen umfangreiche Kanonlisten. Stattdessen kommen zeitgenössische Romane, postkoloniale Stimmen, Young Adult und Spoken Word. Das Wort „sicher" taucht auffallend häufig in Protokollen und Richtlinienpapieren auf.

Befürworter argumentieren: Man wolle Studierende nicht durch Texte schleppen, in denen Sexismus, Rassismus oder koloniale Logiken ohne Kontext präsentiert werden. Sie wollen von den Erfahrungen der Gegenwart ausgehen. Kritiker hören in diesem Begriff der „Sicherheit" etwas anderes: einen schleichenden kulturellen Kahlschlag, bei dem Unbehagen weggemassiert wird. Als ob Literatur vor allem dazu da wäre, niemanden zu verletzen, anstatt uns mit dem zu konfrontieren, was reibt.

Genau dieser Zusammenprall von Denkweisen macht die Diskussion so explosiv – und so zutiefst menschlich.

Eine Debatte mit internationaler Geschichte

In England entbrannte vor Jahren eine vergleichbare Diskussion, als Studierende einer Londoner Universität forderten, Platon, Descartes und Kant im Philosophiekanon zu „dezentrieren". In den USA entstand ein Sturm rund um „Trigger Warnings" bei Ovids Metamorphosen. Näher an der Heimat kündigte ein niederländischer Studiengang an, die Zahl verpflichtender „alter weißer Männer" drastisch zu reduzieren und durch queere sowie nicht-westliche Literatur zu ersetzen.

Für einen Teil der Studierenden ist das eine Befreiung. Endlich Figuren, die ihnen ähneln, Geschichten, die an ihre Lebenswelt anknüpfen, weniger das Gefühl, sich durch ein fremdes, feindseliges Universum kämpfen zu müssen. Für Dozentinnen und Dozenten der Literaturwissenschaft fühlt es sich jedoch oft wie eine Amputation an. Sie kennen die Schichten, die Ironie, den historischen Kontext. Sie wissen, dass ein Text, der heute problematisch wirkt, gestern eine Form des Widerstands sein konnte.

Zwischen diesen beiden Erfahrungswelten klafft eine Kluft, die in einer Curriculumsitzung selten wirklich überbrückt wird.

Die Grundfrage: Wozu ist Bildung da?

Hinter dem gesamten Lärm steckt eine fundamentale Frage: Wofür ist die Universität eigentlich gedacht? Ist sie vor allem ein Ort, um Verletzlichkeit zu schützen und positive Repräsentation zu bieten? Oder gerade ein Labor, in dem man mit Ideen und Sprache konfrontiert wird, die einem widersprechen – damit man lernt zu denken, zu analysieren, zu widersprechen?

Wer klassische Literatur streicht, distanziert sich auch von einem gemeinsamen kulturellen Referenzrahmen. Kein Dante bedeutet auch: keine Wiedererkennung, wenn ein Filmemacher subtil auf ihn verweist. Vondel nicht zu lesen bedeutet auch: einen Teil der Geschichte des niederländischen Sprachgebrauchs nicht mehr „von innen" zu spüren. Das macht den Kanon nicht heilig. Aber jede Streichung hat einen realen Preis, der weit über ein paar Titel weniger auf der Leseliste hinausgeht.

Niemand liest freiwillig jedes Semester vier dicke Romane des 19. Jahrhunderts von Anfang bis Ende. Aber genau dieses Unbehagen – sich durch schwerfällige Sätze zu kämpfen, archaische Bilder zu entschlüsseln – trainiert einen Muskel im Kopf, der mit „komfortablen" Texten seltener beansprucht wird.

Wie man Klassiker sicher und dennoch scharf unterrichten kann

Eine Universität muss sich nicht zwischen purer Sicherheit und purer Härte entscheiden. Es gibt Wege, klassische Literatur zu erhalten, ohne Studierende einfach ins kalte Wasser zu werfen. Eine einfache Technik ist die „doppelte Linse": Jeder klassische Text wird stets neben einer zeitgenössischen Gegenstimme gelesen. Shakespeare mit einer modernen feministischen Neuinterpretation. Multatuli neben einem indonesischen Schriftsteller, der antwortet.

Dozentinnen und Dozenten, die damit arbeiten, stellen fest, dass Konflikte im Seminar produktiv werden. Studierende fühlen sich nicht verpflichtet, die „Größe" eines Werks anzubeten. Sie dürfen Irritation benennen, Rassismus aufzeigen, Sexismus analysieren. Gleichzeitig lernen sie zu verstehen, warum ein Text einst bahnbrechend war. Das Gespräch verlagert sich von: „Müssen wir das noch lesen?" zu: „Wie lesen wir das so, dass es uns heute etwas sagt?"

Das erfordert allerdings etwas, wozu nicht jeder Studiengang bereit ist: Zeit, Vorbereitung, Mut.

Interessante Artikel:

Praktische Schritte für einen gelingenden Umgang

Ein praktikabler Ansatz ist, selektiver vorzugehen. Weniger Titel, aber tieferes Lesen. Nicht vier Romane halb, sondern einen Text wirklich gründlich durcharbeiten – mit Raum für emotionale Reaktionen. Man kann Studierende zunächst fragen: Welche Passagen triggern dich? Diese können auf einem Zettel oder in einem anonymen Formular benannt werden. Anschließend werden genau diese Fragmente zum Mittelpunkt der Diskussion gemacht – mit historischem Kontext und zeitgenössischer Kritik.

So entsteht eine gemeinsame Leseerfahrung, statt eines moralischen Tests, bei dem man „richtig" oder „falsch" liegen kann.

  • Trigger-Warnungen als Einladung zum Gespräch nutzen, nicht als rotes Stoplicht.
  • Jeden klassischen Text mit mindestens einer zeitgenössischen Gegenstimme verknüpfen.
  • Raum für persönliche Reaktion vor der analytischen Besprechung schaffen.
  • Dozentinnen und Dozenten in der Gesprächsleitung zu sensiblen Themen schulen.
  • Transparent machen, warum ein Text im Lehrplan bleibt – ohne ihn zu heiligen.

Damit verschiebt sich die Frage nicht zu „Ist dieser Text sicher?", sondern zu: „Wie gestalten wir diese Leseerfahrung für alle im Raum sowohl tragbar als auch scharf?"

Eine häufige Falle vermeiden

Ein Fallstrick ist, dass Studiengänge in Panik geraten und einfach Titel streichen, ohne an den Lehrformen etwas zu ändern. Dann wird die Liste vielleicht „sicherer", die Erfahrung bleibt aber flach. Ein weiterer Fehler: Studierende als „zu fragil" abzustempeln, wenn sie ihr Unbehagen benennen. Das ist nicht nur herablassend – es verfehlt den Kern. Ihr Unbehagen ist genau das Material, mit dem Literatur etwas anfangen kann.

Dozentinnen und Dozenten, die das Gespräch zu öffnen wagen, merken, dass sich die Atmosphäre wandelt. Ein Studierender kann sagen: „Diese Figur ekelt mich an", und ein anderer: „Gerade deshalb verstehe ich etwas von jener Zeit." Aus dieser Spannung entsteht oft die lebendigste Diskussion – nicht durch Polieren des Textes, sondern durch sein Offenlegen im vollen Licht.

„Schützen ist nicht dasselbe wie abschirmen", sagt ein Professor für moderne Literaturwissenschaft. „Man kann Studierende mit Kontext, Sprache und kritischen Werkzeugen ausrüsten. Was mich besorgt, ist ein Lehrplan, der Schwierigkeit durch Wiedererkennbarkeit ersetzt. Dann verlieren wir genau das, worin die Universität stark ist: das Üben von Reibung."

Was passiert, wenn wir keine gemeinsamen Geschichten mehr teilen?

Wer heute durch die Hochschule geht, spürt es vielleicht noch nicht unmittelbar – aber in zehn, zwanzig Jahren könnte ein stiller Bruch sichtbar werden. Eine Generation von Akademikerinnen und Akademikern, Journalistinnen, Lehrern und Politikern, die klassische Literatur kaum noch von innen kennt. Keine gefühlsmäßige Verbindung zur Sprache von damals, nur Meinungen aus zweiter Hand.

Das ist an sich keine Katastrophe – Kultur verändert sich immer. Dennoch berührt es etwas Tieferes. Klassische Werke – wie problematisch sie manchmal auch sein mögen – funktionieren als eine Art gemeinsamer Rucksack. Nicht weil alle sie bewundern müssen, sondern weil sie eine geteilte Referenz bilden. Wenn dieser Rucksack leer wird, wird das Gespräch darüber, wer „wir" als Gesellschaft sind, noch unbeständiger. Es bleibt dann vor allem kommerzielles Massenwerk als gemeinsame Basis übrig.

Vielleicht ist die eigentliche Herausforderung nicht: streichen oder bewahren. Sondern: Wagen wir es, unseren Kanon laut und gemeinsam neu zusammenzustellen – mit Konflikt und Zweifel?

Ein Kanon als lebendige Verhandlung

Stell dir vor, eine Lehrplankommission bestünde nicht nur aus Professorinnen und Verwaltungsmitarbeitern, sondern auch aus Studierenden mit unterschiedlichen Hintergründen. Und dass sie nicht mit Listen beginnt, die „weg müssen", sondern mit der Frage: Welche Texte sind so prägend – positiv oder negativ –, dass man sie gleichsam gemeinsam durcharbeiten muss? Das können Bibelgeschichten sein, aber auch Toni Morrison, Anja Meulenbelt, ein surinamischer Gedichtband, ein indonesisches Tagebuch, Raptexte.

Dabei gehört unweigerlich Streit dazu. Ein Text, der für eine Person heilig ist, ist für eine andere eine offene Wunde. Ein Roman, der für jemanden emanzipatorisch wirkt, ist für eine andere Person gerade eine Bestätigung von Stereotypen. Wenn eine Universität diese Spannung aushalten kann, entsteht vielleicht eine neue Form von Kanon: nicht als Marmorstandbild, sondern als verhandelbares, lebendiges Landschaft.

Die Frage „Schutz oder kultureller Kahlschlag?" wird dann weniger schwarz-weiß. Schützen kann auch bedeuten: Studierende dazu befähigen, giftige Elemente in Texten zu erkennen, ohne die gesamte Vergangenheit in den Papierkorb zu werfen. Und kultureller Kahlschlag ist nicht nur das Streichen alter Namen, sondern auch die Weigerung, neue Stimmen ernsthaft in denselben Kanon aufzunehmen.

Wer heute Lehrpläne zusammenstellt, spielt also ein Langzeitspiel. Welches Gespräch über Menschsein, Macht, Liebe, Gewalt, Schuld und Vergebung gönnen wir den nächsten Generationen? Und wie viel Unbehagen sind wir bereit, dafür in Kauf zu nehmen?

Zusammenfassung der wichtigsten Punkte

Kernthema Details Relevanz für Leserinnen und Leser
Spannungsfeld „Sicherheit" vs. „Kulturerbe" Universitäten streichen Klassiker aus Fürsorge für Studierende, berühren dabei aber ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis Hilft zu verstehen, warum Lehrpläne sich so schnell verändern
Neue Lesepraktiken Arbeiten mit Kontext, Gegenstimmen und kleineren, tieferen Leselisten Gibt konkrete Ideen, wie Klassiker noch relevant sein können
Zukunft des Kanons Kanon als verhandelbares Landschaft, mit Raum für Konflikt und Vielfalt Lädt dazu ein, selbst mitzudenken, welche Geschichten wir weitergeben wollen

Häufig gestellte Fragen

  • Warum streichen Universitäten überhaupt klassische Literatur? Oft aus Sorge um Studierende, die mit rassistischen, sexistischen oder gewalthaltigen Passagen konfrontiert werden, und aus dem Wunsch, Lehrpläne inklusiver und zeitgemäßer zu gestalten.
  • Verschwinden die Klassiker wirklich vollständig? Meistens nicht. Sie werden gekürzt, optional gemacht oder in Themenveranstaltungen neben zeitgenössischen Gegenstimmen gelesen – aber ihre dominante Position nimmt ab.
  • Ist das zwangsläufig schlecht für die Bildungsqualität? Nicht automatisch. Es hängt davon ab, was an ihre Stelle tritt und wie gründlich gelesen und diskutiert wird. Nachlässiges Streichen kann jedoch zu einer Verarmung führen.
  • Wie können Studierende selbst mit „problematischen" Texten umgehen? Indem sie ihr Unbehagen benennen, Kontext suchen, Sekundärliteratur lesen und das Gespräch mit Dozentinnen und Dozenten suchen, anstatt den Text einfach abzulehnen oder zu schlucken.
  • Wer entscheidet letztendlich über eine Lehrplanänderung? Meist eine Kombination aus Studiengangsleitung, Prüfungsausschuss und Fachgruppen – manchmal mit Mitspracherecht der Studierenden über Mitbestimmungsgremien oder Studiengangskommissionen.

Author

  • Timo Gerber ist ein deutscher Lifestyle-Blogger mit einer Community von rund 15–25 000 Followern. Er teilt Inhalte zu Alltagstipps, Lifestyle, Mode und kreativen Lifehacks und inspiriert seine Follower mit persönlichen Erfahrungen, praktischen Ideen und visuell ansprechenden Posts auf Instagram.

Nach oben scrollen